Hugo Boss: Hinter der Schweigemauer

Der Weltkonzern Hugo Boss spricht nicht gerne über seine Vergangenheit. Während der Nazi-Zeit entstanden hier die SS-Uniformen.

Erschienen in fool on the hill Nr. 10 (2009)

Hugo Boss, eines der weltweit größten und renommiertesten Modehäuser, hat in der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigt. Kaum jemand weiß das, und das ist wichtig: Dass hier ein Name, der Jahr für Jahr auf vielen Tausend Plakaten weltweit prangt, auf Werbeanzeigen, in allen Medien, auf Herrenund Damenbekleidung teuerster Garnitur, auf Parfümfläschchen und Brillen und vielen anderen Produkten, rein gehalten wird. Es ist wichtig, dass die Assoziation mit der Marke sich nicht mit Namen trifft, die klingen wie: „Konzentrationslager“. „Rassenideologie“. „Generalplan Ost“.

Und während sich die Firma schadlos hält, ist das „letzte, große noch offene Kapitel unserer historischen Verantwortung (…) nun zu einem guten Ende gebracht“, wie es Gerhard Schröder 2007 von einem Podium aus benennt. Für Boss bedeutet das eine Zahlung in Höhe von etwa 750.000 Euro an den Stiftungsfonds „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ – ein Tausendstel des Jahresumsatzes von 1999. Aus dem Fonds erhalten zwischen 2001 und 2007 rund 1,7 Millionen Betroffene aus 98 Ländern durchschnittlich je 2.600 Euro. Nach seiner Auszahlung 2007 steht Geschädigten kein Anspruch auf Entschädigung mehr zu. Um dies zu bekräftigen, wurde in den USA eine zukünftig „ausreichende Rechtssicherheit für deutsche Unternehmen“ hergestellt.

Als Hugo Boss 1923 gegründet wird, sitzt das Unternehmen in einer beinahe winzigen Kleiderfabrik in Metzingen und fertigt Herrenanzüge an. Der Umsatz ist verschwindend gering, zehn Jahre lang kämpft der kleine Betrieb scheinbar ständig um die bescheidene Existenz. Dann – mit einem großen Auftrag zur Anfertigung von NS-Uniformen – tritt die Wende ein, die Hugo Boss lange nach dem Krieg zu einem der größten Modeausstatter der Welt werden lässt.

Ein Teil dieser Erfolgsgeschichte ist die 1924 geborene Anna Gisterek, die im Mai 1940 in Auschwitz von einem Mitarbeiter der Firma Boss zusammen mit sechzehn weiteren Frauen und vier Männern zur Deportation ausgesucht wird. Sie und die anderen sind die ersten ZwangsarbeiterInnen bei Hugo Boss. Im Oktober 1941 folgt unfreiwillig ihre sechs Jahre ältere Schwester Josefa. Sie und Anna Gisterek wohnen zusammen auf einem Bauernhof in der Wiesenstraße 9 bei Maria Speidel, unweit des Fabrikgebäudes. Viele Arbeiter werden im Fabrikgebäude untergebracht, das von Hugo Boss in der Gegenwart als Jeansabteilung des ausgebauten Fabrikverkaufs genutzt wird. Andere bewahrt man sich im Ostarbeiterlager auf. Hier werden sogenannte Ostarbeiter aus Polen und der Sowjetunion und Kriegsgefangene untergebracht.

Er war ein großer, dicker Mann mit blonden Haaren, der sich oft in der Firma aufhielt.

Anna Gisterek

Die Firma Boss zwingt ihre Gefangenen zur Arbeit, die Arbeitszeiten dauern von sechs bis 18 Uhr – 12 Stunden am Tag. Gefertigt werden Uniformen für die SS, die SA, die HJ und für Wehrmachtssoldaten. Annas Aufgabe ist es, Knöpfe an Uniformen zu nähen. Und wenn die Haushälterin des Firmenchefs Hugo Boss einmal krank ist, muss die Polin Anna für sie einspringen. Sie bezahlt ihre Miete und ihre Versorgung, für die es oftmals nicht reicht, selbst. Für die Arbeit in der Fabrik erhält sie wöchentlich 75 Reichsmark. An Hugo Boss erinnert sie sich später noch gut: „Er war ein großer, dicker Mann mit blonden Haaren, der sich oft in der Firma aufhielt“.

Im Dezember 1941 hat die Mutter der Gisterek-Töchter einen Unfall. Ihr Vater lässt sie um ihre Hilfe bei der Versorgung der acht weiteren Geschwister bitten. Doch Josefa erhält keinen Urlaub. Sie habe zu kurz für das Unternehmen gearbeitet, heißt es. So entschließt sich die nur Zwanzigjährige zur Flucht durch ganz Deutschland und bis zu ihrer Familie nach Auschwitz. Als Anna Gisterek Wochen darauf hinterher reist, im Rahmen eines regulären Urlaubs, ist Josefa jedoch nicht mehr da. Die Gestapo hat sie geholt.

Die Orte der Folter bleiben unbekannt

„Die Gestapo verhaftete meine Schwester in unserem Elternhaus und brachte sie in verschiedene Konzentrationslager“, erzählt Anna Wocka, geborene Gisterek. „Die Namen nannte sie niemals. Dort wurde sie sehr gewalttätig behandelt und oft auf den Kopf geschlagen. Innerhalb meines 12-tägigen Urlaubs wollte ich meine Schwester zurückholen, aber da war sie schon von der Gestapo abgeholt worden“. Die Orte der Folter Josefa Gistereks bleiben unbekannt. Akten, die eine Rekonstruktion von Josefas Aufenthaltsorten ermöglichen könn ten, wurden vermutlich kurz vor Kriegsende vernichtet.

Im März 1943 wird Josefa in das Haus von Frau Speidel nach Metzingen zurückgebracht. Trotz des Zustands, in dem Josefa sich nach ihrem Aufenthalt in den KZs befindet, zwingt Hugo Ferdinand Boss sie kurz darauf, wieder in der Firma zu arbeiten. Er hat seine Parteikontakte dafür spielen lassen. Josefas Geschick ist ihm wichtig. „Sie sah sehr schlimm aus, als sie wieder nach Metzingen gebracht wurde. Trotzdem musste sie wieder bei Boss arbeiten. Der Kappo der Firma Boss hat sie zum Arbeiten gezwungen, obwohl sie schon sehr krank war und starke Kopfschmerzen hatte. Erst nach langem Bitten wurde ihr ein Arztbesuch bei Doktor Bornhäuser gestattet. Sie war so schwach, dass sie nach einer Spritze bewusstlos wurde“, erinnert sich ihre Schwester.

Am 5. Juli 1943 dreht Josefa Gisterek im Haus der Frau Speidel den Gashahn auf und nimmt sich das Leben. Zurück bleiben die Eltern, die 1943 anreisen und am offenen Sarg stehen, und zurück bleibt Anna Wocka, die noch nach dem Tod der Schwester und bis 1944 für Hugo Boss arbeiten muss, bevor sie im Dezember 1945 in ihre Heimat zurückkehren kann. Einen Brief hinterlässt Josefa den Hinterbliebenen nicht. Nur ein Gedicht steht in ihrem Tagebuch.

Erst 2001 beginnt der Konzern, das Schweigen zu brechen

Die Geschichte von Anna Wocka und ihrer Schwester Josefa ist nur eine von vielen, die sich im Weltkrieg zugetragen haben. Sie ist nur eine von 1.326 ArbeiterInnen, die in Metzingen von Hugo Boss und anderen zur Arbeit gezwungen wurden. Manche dieser Geschichten sind in einer Studie zu den Bedingungen und Hintergründen der Zwangsarbeit unter Boss zusammengetragen, für die Henning Kober im Mai 2001 mit einem Preis des Victor Klemperer Jugendwettbewerbs ausgezeichnet wird. Als der gebürtige Metzinger sich 2001 mit dem Konzern auseinandersetzt, will Pressesprecher Godo Krämer keine Stellung zu der Geschichte über den Tod Josefa Gistereks beziehen. Erst nach der Veröffentlichung kommt Boss der im Schlusswort enthaltenen Aufforderung nach, das Schweigen zu brechen und die Überlebenden nach Metzingen einzuladen.

Im Alter von 78 Jahren folgt Anna Wocka einer Einladung der Firma im Juni 2002. Gemeinsam mit ihrer Zwangsarbeit: ZwangsarbeiterInnen, vor allem aus Polen, nähten die Uniformen der SS, der SA, der HJ und für Wehrmachtssoldaten im Gebäude des heutigen Fabrikverkaufs

Tochter und etwa 20 anderen Opfern steht sie in der neuen Empfangshalle, die gläsern ist. Vieles hat sich verändert: Hell, transparent, modern, so präsentiert sich das Unternehmen in seinem neuen Verwaltungsgebäude im Industriegebiet Metzingens. In einem Tagungsraum erhalten die Gäste Kaffee und Erdbeerkuchen. Henning Kober ist auch dabei. Bruno Sälzer, Vorstandschef der Hugo Boss AG, erscheint persönlich und spricht, wie es später Kober in der taz festhält, „sichtlich nervös“ eine Entschuldigung aus: „Sie sind zurückgekommen an eine Stätte, an der Sie sehr großes Leid erfahren haben. Dafür möchte ich mich persönlich und im Namen der Hugo Boss AG zutiefst entschuldigen. Ich empfinde es als sehr großes Zeichen Ihrerseits, dass Sie zu uns gekommen sind.“ Danach verteilt eine junge Frau Papiertüten, die ein Handtuch und Duschgel der Firma enthalten.

Lediglich die Fassade ist transparent

Vorstandschef Sälzer ist sich dessen bewusst, dass Kober ihn in diese Lage gebracht hat. Im Auftrag der Hugo Boss AG hatte die Studentin Elisabeth Timm bereits 1999 eine Studie über die Arbeitsbedingungen unter Boss im Zweiten Weltkrieg erstellt. Doch die Studie wird von Boss lange zurückgehalten und erst bekannt, als sich Elisabeth Timm entscheidet, sie kurz nach der Henning Kober-Studie eigenmächtig zu veröffentlichen. Aus hiervon unberührten Gründen scheidet Bruno Sälzer Ende Februar 2008 vorzeitig aus dem Unternehmen aus. Claus-Dietrich Lahrs nimmt seinen Platz in der Firma ein.

Doch auch unter Lahrs bleibt bis heute lediglich die gläserne Fassade des Verwaltungsgebäudes in Metzingen transparent. Auch heute erhält man auf Fragen, die das Weltkriegskapitel berühren, keinerlei Auskünfte. Als wir persönlich auf dem Gelände erscheinen, will man hier nichts von uns wissen. Einen Termin bräuchte man, und den hätten wir nicht, weder an das Telefonat mag man sich erinnern, noch hätte man eine E-Mail erhalten. Der Mann hinter dem Sicherheitsglas lächelt geheimnisvoll, als ich ihm den Anlass unseres Besuchs bei der Firma mitteile, vielleicht, weil man uns schon erwartet hat, denke ich und frage nach. Doch der Sicherheitsbeauftragte ist angewiesen, uns keine Auskunft zu geben. Bis ins Gebäude gelangen wir gar nicht erst. Nachdem wir versuchen, einige Fotos zu schießen, werden wir von einer Sicherheitsfrau aufgefordert, das Gelände zu verlassen.

In der Kronenstraße 2 stehen wir dann vor der Adresse, in der die Geschichte der Firma vor dem Weltkrieg begann. Einen Neubau hat man hier hingesetzt, jedoch den Giebel des ehemaligen Gebäudes erhalten, restauriert und neu eingesetzt. Die Pächter, die im Erdgeschoss einen Brillenfachhandel unterhalten, wissen nichts von der Vergangenheit des Hauses. Auch in der Nachbarschaft werden die Augen groß, wenn wir erzählen, weswegen wir hier sind.

Keine Tafel, kein Mahnmal: Nichts erinnert an die Firmenvergangenheit

Vor dem ehemaligen Fabrikgelände der Firma Boss, in dem von früh bis spät Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen beschäftigt waren, stehen vom frühen Vormittag bis zum Abend die Autos angereister Kunden, die sich beim Fabrikverkauf günstig mit Modeartikeln eindecken wollen. Links wie rechts führt die Straße zu den hochmodernen Bauten anderer Edel-Discounter wie Tommy Hillfiger oder s.Oliver. Keine Tafel, kein Mahnmal: Nichts erinnert an die Firmenvergangenheit.

Im Rathaus der Gemeinde Metzingen treffen wir endlich auf jemanden, der die Geschichte der Firma Boss bestens kennt. Der Stadtarchivar Rolf Bidlingmaier erzählt uns von den Studien Timm und Kober lebendig, aber nicht ohne Verärgerung, und gemeinsam stolpern wir im Gespräch schnell über die erste Fehlinformation, die die Studie Kober liefert. Das heutige Großunternehmen habe mit der kleinen Schneiderei von damals doch überhaupt nichts mehr gemein, meint Bidlingmaier. Und dann spricht er einen Satz aus, den wir in Metzingen fast überall zu hören kriegen: „Das war damals einfach die Zeit.“

Aber stimmt das nun – war es „einfach die Zeit“? Oder lieferte „die Zeit“ der deutschen Wirtschaft nicht viel mehr bloß die Handhabe, sich an Humankapital zum Zwecke der Mehrung des Umsatzes in einem Ausmaß zu bedienen, das in der deutschen Geschichte seinesgleichen sucht? Hat sich an der Bereitschaft der Unternehmen, sich zu eben diesem Zweck über moralische Grenzen einfach hinwegzusetzen, in den vergangenen 70 Jahren etwas Grundlegendes geändert?

Offiziell gilt das Weltkriegskapitel für Hugo Boss als abgeschlossen

Erst eine Reihe von Sammelklagen vor US-Gerichten brachte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs das Thema Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg überhaupt wieder in aller Munde – die Fälle VW und Daimler-Benz sind seitdem gemeinhin bekannt. Zuvor hatte die deutsche Regierung die Zwangsarbeit für kein „NS-spezifisches“ Verbrechen erklärt und eine Auseinandersetzung vermieden. Mitverantwortlich war auch das US-amerikanische und britische Interesse an einer Schonung deutscher Industrieller, das eine Folge skandalös milder Gerichtsurteile gegen die Angeklagten ermöglichte. Über die Jahrzehnte des Kalten Krieges hinweg hat die Politik der Alliierten – und die der deutschen Bundesrepublik – den Unternehmen auf Kosten der zahllosen Opfer, die zu Millionen hinter dem Eisernen Vorhang verschwanden, juristischen Schutz geboten. Als der Vorhang 1989 in sich zusammenzufallen beginnt, macht sich Angst unter den deutschen Unternehmen breit: Angst weniger vor den Sammelklagen als vor der eigenen Vergangenheit und der Wirkung, die ihre mediale Aufbereitung auf eine internationale Käuferschaft zu haben vermag.

Keine Auskunft: Die Transparenz der neuen Zentrale der Hugo Boss AG im Industriegebiet Metzingens bleibt auf die Fassade beschränkt

Als am 14. Mai 1999 von über 22.000 Personen eine milliardenschwere Sammelklage gegen die Deutsche Bank eingereicht wird, ist dies die Geburtsstunde des Fonds „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, des vielleicht größten Clous des Schröder-Fischer-Teams. Nachdem sich erst viele der über 600 verpflichteten Unternehmen wehren, speisen Regierung und deutsche Wirtschaft das Stiftungskapital von 5,1 Milliarden Euro zu gleichen Teilen in den Fonds ein. Die Firma Hugo Boss erfüllt diese Verpflichtung schließlich unter Einzahlung in entsprechender Höhe eines Tausendstels ihrer Jahreseinnahmen von 1999. Nach der Auszahlung der letzten Zuwendungen 2007 wird allen Unternehmen und der Bundesregierung juristische Absolution erteilt. Da ist ein großer Teil der Entschädigungsberechtigten bereits altersbedingt gestorben. US-Gerichte erkennen Klagen gegen deutsche Unternehmen im Rahmen der Zwangsarbeiterdebatte nicht länger an. Offiziell gilt das Weltkriegskapitel für die deutsche Wirtschaft somit als abgeschlossen.

Hugo Boss ist natürlich nicht der einzige große Produktname, dessen Rolle und Genese in der Nazizeit heute so vielen vergessen ist. Auch andere Konzerne von Weltrang sprechen in ihren Profilen nicht gerne über ihre Vergangenheit und halten sich vor allzu neugierigen Blicken bedeckt. Die BMW Group beispielsweise präsentiert auf ihrer Internetseite „Meilensteine“ ihrer Historie. Hier kann sich der Besucher durch die Jahrzehnte der Firmengeschichte klicken – und findet zwischen 1930 und 1950 in keinem Wort die Zwangsarbeiterbeschäftigung erwähnt. Wird 1939 noch die „Übernahme der Brandenburgischen Motorenwerke“, „kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs“ erwähnt, findet man den nächsten Eintrag erst bei 1945: „Wiederbeginn fast bei Null“.

Der Weltkonzern OSRAM hingegen macht in seiner Historie, die frei im Internet zu erhalten ist, um die Beschäftigung von Zwangsarbeitern durch OSRAM im Zweiten Weltkrieg keinen Hehl. Zusätzlich zu seiner Teilhabe an der Stiftungsinitiative „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ richtete OSRAM im Mai 1999 einen Hilfsfonds für die eigenen ehemaligen ZwangsarbeiterInnen ein. Auch andere, darunter Volkswagen, richteten freiwillig eigene Hilfsfonds ein.

Darf eine Firma wie Hugo Boss sich von ihrer historischen Schuld reingewaschen verstehen?

Doch solche Akte vermeintlicher Selbstkasteiung folgen weniger einem Schuldbewusstsein als dem kalten Kalkül profitheischender Großunternehmen, das seinerzeit selbst mitverantwortlich für die „Vernichtung durch Arbeit“ und andere Gräuel an der Menschheit gewesen ist. Wie handhaben wir diese Angelegenheit so, dass unsere Verkaufszahlen nicht beeinträchtigt werden?, mag sich manches Unternehmen gefragt haben: offensiv oder defensiv?

Wie man beides kann, zeigt uns zur Zeit die Volkswagen AG. Die Volkswagen AG feiert, laut aktuellem Fernseh-Werbespot, in diesem Jahr ihr sechzigjähriges Bestehen. „Gemeinsam haben wir viel erlebt“, bemerkt eine sinnliche Frauenstimme, und die Berlinerin Toni Kater begleitet mit nostalgischen Texten den Zusammenschnitt von Amateurvideos, die VW-Fahrer mit ihren Lieblingen zeigen. Weshalb der Volkswagen Volkswagen heißt, dass er einmal KdF-Wagen hieß, benannt nach der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“, dass Hitler 1938 selbst den Grundstein für das Stammwerk in Wolfsburg legte: Alles, was vor jenen 60 Jahren liegt, wird einfach ausgespart. Erst wenn man der im Spot eingeblendeten Internetadresse folgt, erfährt man, was hier eigentlich gemeint ist: Das 60jährige Jubiläum der Bundesrepublik und damit der Jahrestag der Übergabe der VW-Treuhänderschaft an die Regierung durch Großbritannien. So schafft der Volkswagenspot beides zugleich: Verklärung unter der Bevölkerung und eine Entschuldigung dafür, über das frühe Kapitel der Firma kein Wort zu verlieren.

Sicherlich sind die Studien Timm und Kober nicht gänzlich untendenziös. Aber wiegen die Interessen der Wirtschaft denn schwerer als das Interesse an einer großflächigen Aufklärung in der Bevölkerung? Darf eine Firma wie Hugo Boss sich von ihrer historischen Schuld reingewaschen verstehen? Oder ist es nicht gerade die Aufgabe der Unternehmen, die von der Weltkriegszeit profitierten, die Öffentlichkeit über die Ursprünge ihrer Monopole zu belehren? Wenn man auch nicht überrascht sein darf, dass Hugo Boss, um beim Beispiel zu bleiben, mit seiner Geschichte nicht hausieren geht, so darf man doch zumindest erstaunt sein, dass ein Unternehmen, das über 400 Angestellte allein im Ressort „Imagepflege“ beschäftigt, Neugierigen weder im Internet noch auf direkte Nachfrage hin Informationen bereitstellt. Solange die deutsche Wirtschaft sich offenen und ehrlichen Bekenntnissen gegenüber ihrer Vergangenheit verweigert – solange sollten die Deutschen weit davon entfernt sein, das Thema Weltkrieg für beendet zu erklären.

Die im Text erwähnten Studien Kober und Timm sind im Internet frei erhältlich